Vor einiger Zeit erhielt ich eine Anfrage eines grösseren Theaterhauses, über ein Stück zu schreiben. Nicht als Kritikerin, sondern als Autorin, als Mensch. Ich sagte sofort zu und freute mich darauf, im Rahmen der Arbeit etwas von den Dingen tun zu können, die in der Rushhour des Lebens viel zu oft untergehen. Bis ich die Einladung erhielt.
Das Stück dauert vier Stunden, stand da. Ich erstarrte kurz innerlich. Vier Stunden aufgeteilt in zwei mal zwei Stunden. Ich sah endlose Schlangen vor den Waschräumen vor mir, an die Bar gar nicht zu denken.
Ich erinnerte mich an eine epische «Hamlet»-Aufführung vor vielen Jahren. Der Wunsch, meiner damaligen Begleitung zu imponieren, überwog. So ging ich mit. Und am Ende war ich damit beschäftigt, im Publikum zu verschwinden, da dieses direkt angesprochen oder auf die Bühne geholt wurde.
Doch dieses Mal gab es keine Begleitung, nur mich. Ich dachte kurz an meine Teenager, denen ich täglich vorrechnete, wie viel Lebenszeit sie mit 15-Sekunden-Videos auf Tiktok verschwendeten. Und packte Notizblock und Stift ein.
Dass mein Unbehagen völlig unbegründet war, ahnte ich schon, kurz nachdem die Lämpchen gedimmt worden waren. Das lag einerseits an der textlichen Vorlage, der Schönheit der Monologe. Andererseits an den Menschen auf der Bühne. Ich litt mit ihnen und gab mich dem Sog hin, der erzeugt wurde und sich bald bis in die hinteren Reihen zog.
Wir lachten, wir lauschten. Waren ganz jetzt, verbunden in diesem einen Moment. Verbunden aber auch in diesem Gefühl, das wir alle teilten. Wo gibt es schon die gleichzeitige Anwesenheit von Darstellenden und Publikum? So entstehen Erlebnisse, die realer nicht sein könnten. Und doch fiktiv und erfunden.
Sie können mal subversiv sein oder utopisch. Oder beides. In neuer Sprache von uralten Themen erzählen oder in alter Sprache von Neuem, in der Sprache der Körper …
Eine kollektive Erfahrung, die sich tief in unser Bewusstsein einschreibt, weil sie vom Gedächtnis als etwas Erlebtes abgespeichert wird.
Und wir so Möglichkeitsräume erproben können, die sonst unerreichbar blieben.
Und nur schon dafür war ich dankbar, als ich mich mit beschwingten Schritten auf den Heimweg machte. Auch ein bisschen wehmütig, wie nach einem Abschied.