Auf der Bühne gibt es viele Möglichkeiten, jemand anderes zu werden. Doch egal, wie gut das Licht, die Maske, die Kostüme sind – das Altern lässt sich nicht aufhalten. Was bedeutet das im Theater- und Tanzbetrieb, finanziell, künstlerisch, persönlich?
Das Bundesamt für Statistik (BFS) beschreibt die Kultur als «dynamische und atypische Arbeitswelt». Aktuell gibt es in der Schweiz rund 300000 Kulturschaffende, davon 6,7 Prozent in den darstellenden Künsten. Durchschnittlich verlassen Kunstschaffende den Arbeitsmarkt später als andere Berufsgruppen, ihre Löhne sind tiefer, der Anteil Selbstständiger und Mehrfachbeschäftigter liegt höher als in anderen Branchen. Gerade in der Freien Szene und den darstellenden Künsten sind die Arbeitsbedingungen finanziell weiterhin oft prekär, schreibt der Berufsverband SzeneSchweiz. Insgesamt viele Faktoren also, die sich negativ auf die berufliche Vorsorge und das Leben im höheren Alter auswirken können.
Einige Kunstschaffende versuchen vorzubeugen und wechseln in den 50ern ihren Beruf oder stehen zumindest nicht mehr aktiv auf der Bühne. Sie arbeiten vermehrt als Unterrichtende, Regisseur*innen, Produktionsleiter*innen oder im Kulturmanagement. Spezifisch im Tanz würden sich viele bereits zwischen 35 und 40 umschulen lassen, schreibt Isabella Spirig vom Berufsverband Danse Suisse. Der Körper bestimme, wann die Zeit dafür gekommen sei – die körperliche Leistung von Tänzer*innen entspreche Höchstleistungen von Spitzensportler*innen.
Oliver Dähler von der Schweizerischen Stiftung für die Umschulung von darstellenden Künstler*innen (SSUDK) unterstützt Kunstschaffende bei dieser Transition. Er beobachtet, dass gerade für Tänzer*innen auch finanzielle Aspekte eine Rolle spielen, wenn es darum geht, ihre weitere Karriere und Neuausrichtung zu planen. Unter Festangestellten gehören Tanzlöhne zu den tiefen im Vergleich zu anderen Bühnensparten. Aber auch in der Freien Szene seien Tänzer*innen oft auf ein zweites Standbein angewiesen, um finanziell zu überleben.
Doch nicht alle verlassen die Bühne, wenn sie älter werden. Einige spielen und tanzen weiter. Drei Performer*innen erzählen, wie es ihnen dabei geht, was sie antreibt, wovor sie sich fürchten.
«Wir altern anders als unsere Grosseltern, das kann gleichaltrige wie jüngere Menschen dazu
inspirieren, ihr Alter neu zu denken»»
Tina Mantel, 65 Tänzerin, Choreografin, Pädagogin, Leiterin verschiedenster künstlerischer Projekte, Tanzwissenschaftlerin
2023 habe ich ein neues Kollektiv mitgegründet: «dance me to the end». Wir sind acht Profitänzer*innen über 60. Körperlich können wir nicht mehr alles machen. Aber wir fragen uns: Was zeichnet uns stattdessen aus? Was drücken unsere Körper aus, was können sie einem Publikum erzählen, was jüngere Körper nicht können? Das Interesse an unserer Arbeit ist gross. Der Zeitgeist ist offener dafür geworden, Diversität und Inklusion sind grosse Themen, das Alter gehört da dazu. Ohnehin wird unsere Gesellschaft immer älter, warum soll sich das nicht auch auf der Bühne zeigen? Wir altern anders als unsere Grosseltern, das kann gleichaltrige wie jüngere Menschen dazu inspirieren, ihr Alter neu zu denken.
Eine Tanzkarriere muss heute nicht mehr zu Ende sein, wenn man 40 wird. Vielleicht sind wir die erste Tänzer*innengeneration, die überhaupt noch weitertanzen kann. Wir haben schon in jungen Jahren somatische Praktiken gelernt, die den Körper schonen. Wenn jemand nur Ballett und sehr technisches Training gemacht hat, können die Verschleisserscheinungen hingegen gross sein. Weitertanzen bis ins hohe Alter ist da meist nicht möglich. Und wenn, dann ist frau nicht gefragt.
Bei auditions werden nie Profitänzer*innen über 40 gesucht, das ist wie ein unausgesprochenes Gesetz. Ältere Tänzer*innen sind definitiv nicht die Norm. Tanz wird oft gleichgesetzt mit Jugendlichkeit, Dynamik, Virtuosität, Schönheit.
Auch ich liebe es, junge Körper auf der Bühne zu sehen. In den letzten Jahren aber habe ich gemerkt, dass mich Virtuosität nicht mehr interessiert. Dass die Themen von jungen Menschen mich weniger ansprechen oder berühren. Ich möchte mich identifizieren können mit den Geschichten und Bewegungssprachen auf der Bühne und dies einem älter werdenden Publikum auch anbieten.
«Die Kreativität im Alter zeigt sich für mich darin, bestehende Dinge neu zu kombinieren.»
Natürlich finde ich es schade, wenn ich merke: Oh, das ging mal einfach – und nun bleibt nur eine vage Erinnerung daran. Gleichzeitig befreit mich der ältere Körper auch vom Druck, karrieremässig denken zu müssen. Das merke ich auch im Kollektiv. Das Miteinander auf der Bühne ist ein anderes als früher. Ich habe das Gefühl, dass wir uns nicht mehr beweisen müssen und uns gegenseitig mehr Raum geben können. Trotzdem wollen alle ihren Moment haben, wo sie ihre Stärke zeigen und strahlen können.
Die Vorstellung, dass man im Alter alles gelassener nehmen kann, stimmt nicht ganz. Vielleicht können wir mit Reibereien nun anders umgehen, selbstironischer. Aber natürlich möchte man auch gesehen und anerkannt werden, sonst würde man nicht auf einer Bühne stehen wollen. Übers Alter reden wir nicht wirklich miteinander, ich habe gar keine Zeit dafür. Ab und zu tauschen wir uns über unsere Wehwehchen aus. Und wir müssen uns fragen, wie wir damit umgehen, wenn jemand verletzt ist oder Schmerzen hat.
Ein Ensemblemitglied musste den Hallux operieren und konnte danach eine Zeit lang nur kleine Schritte machen. Das haben wir in die Aufführung integriert. Beim aktuellen Projekt haben wir uns gefragt: Schaffen wir das? Fünf Shows, das wird anstrengend. Aber wir haben gemerkt: Es wurde mit der Zeit immer einfacher, gerade weil wir jeden Tag mit dem Körper gearbeitet haben. Die Bewegungen, die wir machen, wählen wir selbst, wir müssen keine Vorgaben erfüllen, die uns überfordern würden.
Das Alter kommt schleichend, den Gegebenheiten passt du dich schrittweise an. Und was du davor gemacht hast, ist Teil deiner Künstler*innenpersönlichkeit. Wir nutzen den Begriff des Körperarchivs. Dieses wird mit den Jahren grösser. Die Kreativität im Alter zeigt sich für mich darin, bestehende Dinge neu zu kombinieren. Vielleicht klingt es wie ein Klischee, aber so lebendig wie beim Tanzen fühle ich mich sonst nie. Ich kann mir ein Leben ohne Tanz noch nicht vorstellen. Ich will weitermachen. So lange, wie ich das Gefühl habe, damit auch anderen etwas Wertvolles geben zu können.