Anna Chiedza Spörri erzählte schon immer Geschichten durch Tanz. An Streetstyle/Hip-Hop-Wettkämpfen, an denen sie früher mit ihren Tanzcrews teilnahm, hatten sie jeweils nur drei Minuten Zeit, um das Publikum von sich zu überzeugen. «Am erfolgreichsten waren die Gruppen, die dafür populäre Lieder und Themen aussuchten, die alle kannten», erinnert sich die Tänzerin und Choreografin aus Bern. Sie trat aber mit einer Show zu einem für diesen Kontext unerwarteten Thema auf: Feminismus. Dringliche Inhalte waren ihr wichtiger als der Sieg.
Die Wettkampfszene bezeichnet Spörri als ihre Lebensschule, sie bot ihr zum ersten Mal die Möglichkeit, sich auszuprobieren. Der Hip-Hop war es denn auch, der die Tänzerin Anfang 20 nach New York führte, wo sie ein internationales Trainingsprogramm am Peridance Center besuchte, oder nach Los Angeles zu Programmen der Choreografin Rhapsody James, einer Pionierin der Streetdance-Szene. Mit 26 verliess sie Bern erneut, dieses Mal für London, mit nur 400 Franken in der Tasche. Als sie vor ihrer Abreise kurz zögerte, meinte ihre Mutter zu ihr: «Wenn du jetzt nicht gehst, gehst du nie.» Spörri zog los – und blieb zwei Jahre.
Im Ausland merkte sie, dass es als Tänzerin einen Platz für sie gab. Etwas, das sie in der Schweiz bis dahin anders wahrgenommen hatte: Als sie sich in Bern einst für einen Job für die «grosse Bühne» bewarb und nur Tänzerinnen mit Kleidergrösse S und Schuhgrösse 37 gesucht wurden, war für sie klar: «Das bin nicht ich.»
Repräsentation und Black Joy
«Black Lives Matter made my career», sagt Spörri. Um diesen Satz zu verstehen, muss man nach Bern ins «café revolution», das in einem der zahlreichen Atelierräume des Progr, des Zentrums für Kulturproduktion mitten in der Stadt, eingemietet ist. In den Regalen an der dunkelgrün gestrichenen Wand stapeln sich Matten, Kissen und Bücher wie «Postkoloniale Schweiz», «I will be different every time», «How to Be an Antiracist» oder «Reise in Schwarz-Weiss». Gegründet wurde das «café revolution» von Spörri und weiteren sieben Schwarzen Frauen im Zuge der weltweiten Black-Lives-Matter-Demonstrationen im Jahr 2020.
Spörri sitzt auf dem cremefarbenen Sofa in der Mitte des Raumes und sagt: «Es entstand aus einem Wunsch nach einem Ort, den wir gerne gehabt hätten, als wir jünger waren.» Das Wort «café» im Namen ist indes rein symbolischer Natur. Vielmehr ist das «café» heute ein Ort für aktives antirassistisches Wirken, Selbstermächtigung, Bildung, Kultur, wie auch für Treffen, Austausch und Vernetzung für Schwarze und Schwarzgelesene FINTA und alle an antirassistischer Arbeit interessierten Menschen.
Aktuell findet das Kollektiv einmal in der Woche zu einer Sitzung zusammen. «Das ist Freiwilligenarbeit mit einem hohen Zeitaufwand», sagt Spörri. Das Programm, das sie dabei zusammenstellen, ist vielfältig. Es finden Lesungen, Workshops und Filmabende statt, und immer wieder werden Mitglieder des Kollektivs an Podiumsgespräche eingeladen.
Neben den vielen Events und der, wie Spörri sagt, «intellectual stimulation», dürfe nicht zu kurz kommen, sich als Community auch einfach mal zu feiern. Zum Beispiel am alljährlichen End-of-Summer-Fest, das ganz bewusst draussen auf dem grossen Platz stattfindet. Dort, wo man als Community sichtbar sei. Denn es gehe auch um Repräsentation. Und Black Joy. Diese sei wichtig und etwas, das ihr früher gefehlt habe, sagt Spörri.